"Wissen, wo's lang geht!"
Ein halbes Jahr später, zurück in der Wirklichkeit, weiß man immer noch, wo's lang geht. Allerdings geht es in die falsche Richtung. Mit dem folgenden Wahlplakat wurde 2009 in Sachsen geworben:
Screenshot: www.stanislaw-tillich.de
Wie man sieht, der Ministerpräsident ist begeistert von der jungen und dynamischen sächsischen Familie, das Kind hat eine goldige Zukunft vor sich. Da die sächsische Regierung sächsische Kinder und Jugendliche so liebt und diese wie zu sehen immer noch wohl genährt aussehen, wurde anfang Februar 2010 doch kurzerhand die Kürzung der Mittel für die sächsische Jugendarbeit um ein Drittel! beschlossen, was anders formuliert einem 33%igen Kahlschlag in der sächsischen Jugendarbeit gleich kommt.
Hintergrund dieser drastischen Entwicklung sind fehlende Steuereinnahmen, die sich laut Sächsischer Zeitung in diesem Jahr auf rund 864 Mio € belaufen sollen. Das Finanzministerium ordnete Kurzerhand einen Haushaltsstopp an und will nun verteilt auf die einzelnen Ressorts 140 Mio € einsparen.
Mit den Kürzungsvorhaben steht aller Wahrscheinlichkeit die Arbeit zahlreicher Vereine, Jugendclubs, Beratungsstellen usw. vor dem aus. Den Jugendlichen bleibt der Platz vor dem verwaisten Jugendclubs. Sollten die Jugendlichen dort nichts mit sich anfangen können, lassen sie Ihrer Phantasie freien Lauf und verprügeln Passanten, klauen sich ein Schlückchen Alkohol oder konsumieren illegale Drogen.
So oder ähnlich straffällig geworden Jugendliche, können dann zur Sühne in das modernste deutsche Jugendgefängnis in Regis-Breitingen im schönen Leipziger Tiefland einziehen. Dieses wurde laut MDR Sachsenspiegel in 2007 als eines der größten Bauprojekte des Freistaates mit einem Baukostenvolumen von 60 Mio € nagelneu erbaut. Hier wird jedem Jugendlichen ein Einzelzimmer geboten und er kann sich gebührend auf die Zeit nach seiner Haftstrafe vorbereiten, wobei ihn die netten Vollzugsbeamten, Sozialarbeiter und der Steuerzahler ohne wenn und aber unterstützen.
Auch die sächsische Polizei wird wohl nach der Kürzung der Jugendhilfe mit mehr Mitteln ausgestattet werden, damit sie straffälig gewordene Jugendliche der geschlossenen Jugendarbeit zuführen kann. Zudem wird man sicherlich neue Überwachungsgeräte wie z.B. unbemannte Drohnen oder neuartige Waffen wie bspw. Pfeffergeschosse benötigen.
Leider wird man feststellen, dass das Regis-Breitinger Jugendheim nur 300 Einzelzimmer anzubieten hat, was aber nicht wirklich schlimm ist, da man 2020 mit einem weiteren derartigen Bauprojekt - vielleicht irgendwo im Erzgebirge oder im Zittauer Land - die sächsische Bauwirtschaft fördern kann. Die Frage ist, ob die dann entstehende JVA auch wirklich ausbruchsicher ist, da es den Erbauern aufgrund mangelnder Bildung und Förderung an fachlicher Kompetenz fehlt.
Ach ja, ich vergaß - die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen liegt in der elterlichen Hand und es sollte doch mindestens ein Elternteil Vollzeit in die Betreuung des Sprößlings gehen, was mit einem Ministergehalt sicherlich problemlos finanzierbar ist.
Wie zum Hohn kündigte Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) quasi gleichzeitig mit der bekanntgabe der Jugendhilfekürzungen in der Wirtschaftswoche an, dass Sachsen binnen 10 Jahren zum Geberland im Länderfinanzausgleich wird. Sachsen setze sich "anspruchsvolle Ziele, statt zu jammern", so Morlok.
Herzlichen Glückwunsch und toi, toi, toi! Weiter so, mit der Liebe zu Sachsen!
Kommentare (4)
da fehlen einem die Worte
... in diesem Bereich gab es ohnehin noch nie zuviel Budget. Aber es steht natürlich auch im Widerspruch zu den eigenen "markigen Worten".
geschrieben von
Denis
Generell richtig, aber...
...anzunehmen, dass "alle" Jugendlichen ohne soziale Einrichtungen sofort straffällig werden, finde ich etwas weit hergeholt.
geschrieben von
Mario
@Mario
Nehme ich nicht an, aber die Anzahl wird sich trotzdem deutlich erhöhen
geschrieben von
Ron
Bezeichnend ist dieser Beitrag in der Sä. Zeitung
Nicht einmal die Häfte der CDU/FDP Abgeordneten inkl. Ministerpräsident hielt es für nötig, der Debatte um Rücknahme der Kürzungen beizuwohnen. Der Mann, der weiß wos lang geht, wurde daraufhin per Abstimmung von der Opposition in den Plenarsaal zitiert.
geschrieben von
Ron